Urlaub ohne Kind
Irgendwie konnte ich es bis zuletzt nicht glauben, dass wir wirklich fahren würden. Nach Kambodscha, also quasi ans andere Ende der Welt. Nur so, zum Spaß, fast zwei Wochen lang. Und vor allem alleine – oder vielmehr zu zweit, aber eben ohne Kind.
Ich weiß nicht mehr, wann ich kapiert habe, dass wir wirklich weg sind. Ich glaube, es war zwei Tage nach unserer Ankunft in Phnom Penh, wo meine Schwester und ihr Mann seit einem Jahr leben. Ein Taxi hatte uns in ein kleines Dorf im Süden gefahren und einen halben Kilometer vor unserem Guesthouse gehalten, weil die Schlaglöcher zu tief zum Weiterfahren waren. Wir standen zu viert in leuchtend grünen Reisfeldern, und ich hatte zum ersten Mal seit unserer Abreise nicht das Gefühl, etwas vergessen zu haben.Der Abschied war ganz leicht gewesen, für den Kleinen zumindest. Er saß auf dem Arm meiner Mutter und lachte, weil sie mit seiner Hand winkte. Ich hatte ihn nur kurz umarmt, bevor ich ins Auto gestiegen war, aus Angst, ich könnte ihn mit meiner Wehmut anstecken. Ich war froh, dass er so zufrieden aussah, aber es vertrieb das schlechte Gewissen nicht ganz.
Felix war ein knappes Jahr alt zu diesem Zeitpunkt und daran gewöhnt, mich gehen zu sehen. Er erlebte es jeden Morgen im Kindergarten, ohne allzu große Notiz davon zu nehmen. Vor lauter Aufregung über das Spielzeug, die Kinder und vor allem das Frühstück in der Krippe kam er meistens nicht einmal dazu, sich noch einmal nach mir umzudrehen. Meine Eltern kannte er ebenfalls gut, nachdem wir den halben Sommer bei ihnen verbracht und sie zwei Mal ein langes Wochenende alleine auf ihn aufgepasst haben. So gut, dass ich es mir diesmal verkniff, einen Plan zu schreiben, wann er welche Mahlzeit bekommt.
Trotzdem konnte ich die Fragen nicht abstellen, die mir durch den Kopf schwirrten: Was, wenn er krank wird? Was, wenn wir abstürzen? Was, wenn er sein erstes Wort sagt und wir sind nicht dabei? Irgendwann kamen die Fragen nicht mehr gegen die kombinierte Wirkung von Baldriantablette und Flugunterhaltungsprogramm an, und ich schlief ein.
Eine dieser Fragen begleitete uns die ganze Reise lang, durch Reisfelder und Krabbenmärkte, überwucherte Tempel und goldene Paläste, am Strand und in schwimmenden Dörfern. Sie wurde eine Art Ritual, ein wenig Platz, den wir dem Kleinen einräumten: Was, glaubst du, macht er gerade? Manchmal stellte sie mein Mann, manchmal ich, der jeweils andere musste auf die Uhr schauen, die mitteleuropäische Zeit errechnen und ihn beschreiben, besser noch: nachmachen. Uns war klar, wie bescheuert wir dabei aussahen, aber wir wurden ziemlich gut darin, die mitleidigen Blicke von Schwester, Schwager und anderen Mitreisenden zu ignorieren.
Ich habe jede Sekunde unserer Reise genossen, die fremden Orte, Geschmäcker, Gerüche, das Ausgehen, Ausschlafen, Pläne machen und wieder ändern, dieses leichte Gefühl von Abenteuer. Aber ich war auch noch nie so wenig traurig, dass eine Reise vorbei ist, so groß war die Neugierde, wie sich der Kleine wohl verändert habe in dieser halben Ewigkeit von zehn Tagen.
Das Wiedersehen war dann so undramatisch bittersüß wie der Abschied: Ich kam um Mitternacht bei meinen Eltern an, alleine, weil mein Mann direkt weiter auf eine Dienstreise musste, da war der Kleine schon im Bett. Ich wachte – wegen des Jetlags und der Neugierde – um sechs Uhr morgens auf, da war Felix noch im Bett. Als er um Viertel vor neun dann den ersten Laut von sich gab, stürmte ich in sein Zimmer und meine Eltern hinterher. Sie wollten auch wissen, wie er reagieren würde.
Er war vor allem verschlafen. Ich drückte, herzte, küsste ihn, er rieb sich die Augen.
Ein paar Stunden später waren wir am Spielplatz, er war aufgeregter als sonst, rannte kreischend zwischen meiner Mutter, mir und den Schaukeln hin und her, dann fiel er hin und begann zu weinen. Ich hob ihn auf, meine Mutter kam dazu, er sah uns beide an, ein wenig verwirrt, dann streckte er die Arme nach meiner Mutter aus.
Ich rang mir ein Lächeln ab, wissend, dass ich mir seine Verwirrung selbst zuzuschreiben hatte und es nicht überraschend wäre, wenn sie noch anhielte, aber ich muss gestehen, dass ich unendlich erleichtert war, als er sich ein paar Momente später umdrehte und nochmal seine Arme ausstreckte, diesmal in meine Richtung,
Anna (32)
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